Rolf Bloch: Industrieller und Humanist.

24. Juni 1930 – 27. Mai 2015.

 

Aufgenommen am 25. Mai 2011 in Muri bei Bern.

Rolf Bloch – Association Films Plans-Fixes (plansfixes.ch)

 

> Bedachtsam und zart setzt der Achtzigjährige die Wörter hintereinander. Seinem akzentfreien Französisch ist nicht anzumerken, dass er mit dem berndeutschen Idiom aufgewachsen ist. Von der Geburt bis zum Tod lebte er in der Berner Vorortsgemeinde Muri. Und doch erfasste ihn das Weltgeschehen stärker als andere Schweizer. Denn Rolf Bloch war Jude. <

 

Nachdem Rolf Bloch mit 24 Jahren an der Universität Bern zum Doktor der Jurisprudenz promoviert worden ist, tritt er in die Chocolats Camille Bloch SA ein, die sein Vater gegründet hat. Mit 30 wird er Präsident des Verwaltungsrats. Mit 40 übernimmt er die operative Leitung des Familienunternehmens nach dem Tod des Vaters. Mit 67 gibt er sie an die beiden Söhne weiter, behält aber das Präsidium des Verwaltungsrats bis 75.

 

Als Präsident des Schweizerischen Israelitischen Gemeindebunds und Präsident des Spezialfonds für Holocaust-Opfer wird er 1997 zu einer angesehenen öffentlichen Figur. Er ist Mitglied der Schweizer Delegation an der Londoner Konferenz über das Nazi-Raubgold. In der Amtszeit von Tony Blair muss der Schweizer Botschafter > François Nordmann, selber Jude, das Verhalten der Schweiz im Zweiten Weltkrieg und den Umgang mit den sogenannten Judengeldern erklären. Bei diesen Auseinandersetzungen verfolgt Rolf Bloch die Linie: „Gerechtigkeit für die Opfer“ und „Fairness gegenüber der Schweiz“. 

 

1998 erhält er den Ehrendoktor des Babson College in Boston. Mit 70 wird er Vizepräsident des European Council of Jewish Communities und Ehrendoktor der christkatholischen Fakultät der Universität Bern. 2015 stirbt er im Alter von fast 85 Jahren.

 

Als Schulbub vernahm Rolf Bloch am Familientisch die Greuel, die sich drüben im Reich abspielten. Immer wieder tauchten verfolgte Glaubensgenossen auf. Das Unglück schwappte über die Grenze. – Das erlebte auch der junge Roland Donzé. Mit 17 hatte er mit Hilfe einer volljährigen Cousine in Biel eine Papeterie eröffnet. Die Mutter stand tagsüber im Laden, und Roland löste sie ab, wenn er vom Studium zurück war.

 

An einem stillen Abend im Spätherbst, das Geschäft war den ganzen Tag flau gewesen, ging unvermutet die Tür auf, und ein Mann trat aus Kälte und Regen ein. „Ich erkannte ihn sogleich als Juden“, erinnert sich Donzé. „Er trug vornehme, teure Kleider, die aber schmutzig waren und nass. Ich nahm an, dass er im Jura schwarz über die Grenze gekommen war und den Weg nach Biel zu Fuss gemacht hatte. In Evilard war er, wohl um nicht gesehen zu werden, in den Seilbahntunnel gestiegen. Und aus dem war er nun, einen Steinwurf von meinem Geschäft entfernt, wieder aufgetaucht. Er sagte in sehr gutem Deutsch: ,Bitte geben Sie mir fünfzig Franken!‘ Ich war so erstaunt, dass ich ihm die Note überreichte: ,Sie brauchen sie nicht zurückzugeben. Ich schenke sie Ihnen.‘ Er dankte und fuhr dann fort: ,Ich muss jetzt gehen. Es ist besser, wenn ich nicht im Licht des Ladens gesehen werden.‘“ Nachträglich bereute Donzé seine Freigebigkeit. Fünfzig Franken entsprachen der Monatsmiete für die Zweizimmerwohnung seiner Familie im ersten Stock. Um sich keinen Vorwürfen auszusetzen, behielt er das Ereignis für sich.

 

Vier Wochen später kam Herr Adler, Besitzer des grossen Kleidergeschäfts am Zentralplatz, mit einem Umschlag zu Donzé: „Sie haben einem unserer Angehörigen geholfen. Wir möchten Ihnen den Beitrag zurückerstatten.“ Donzé weigerte sich: „Entschuldigen Sie, aber ich kann das Geld nicht zurücknehmen. Es war ein Geschenk.“ Adler musste abziehen. „Aber von da an“, erzählte Donzé, „hatten wir alle Juden Biels als Kunden. Sie blieben der Papeterie auch nach dem Krieg treu, bis wir sie verkauften.“ Als der Zufall Donzé nach Jahren zu den Gräbern der Eltern führte, fand er sie verwahrlost, die Bepflanzung mit Schutt überdeckt. Er sprach bei der Friedhofsverwaltung vor. Doch dort vernahm er, es sei Sitte der Juden, bei jedem Besuch der Angehörigen ein Steinchen aufs Grab zu legen.

 

In Muri lebte die Familie Bloch in einem historisch belasteten Quartier. Da befand sich das Haus von Oberstdivisionär Bridel, dessen Sohn, Oberst Bridel, Notorietät als Flugpionier erlangt hatte. Und an der Waldriedstrasse 23 wohnte der deutsche Gesandte Freiherr von Bibra. Er stand auf der Liste der deutschen Staatsbürger und angesehenen Muriger (Ein­wohner von Muri), die wegen vermuteter oder tat­säch­licher Verbindung mit dem Reich gleich am Tag des Einmarschs der deutschen Truppen hätten festgemacht werden sollen.

 

Rolf Bloch war damals Mitglied der Pfadi. Er verbrachte viel Zeit mit seinem besten Freund. Einmal fragte er ihn: „Warum spielst du eigentlich nie mit dem Jungen vom Nachbarhaus?“ „Das geht nicht. Der ist Jude.“ „Aber das bin ich ja auch!“ Auf diese Auskunft hin wandte sich der andere wortlos ab. Rolf Bloch: „Ich hatte nie mehr etwas mit ihm zu tun. Aber ich merkte, dass ich mich nicht auf den Schein verlassen könne. Menschen, die nett waren, konnten von einem Augenblick zum nächsten kippen.“

 

Das war auch an der Schule zu erleben. Plötzlich zeigten einzelne Lehrer eine braune Gesinnung. Am Bieler Gymnasium prägte sich der Geschichtslehrer in Roland Donzés Erinnerung ein: Als die Schüler erkannten, dass der Geschichtsunterricht auf die Verherrlichung der Reichsgründung von 1871 und die „Wiedergeburt des Reichs“ unter dem „Führer“ hinauslief, wählten sie Donzé als Abgeordneten. Er sollte den Lehrer bitten, ein neutrales Geschichtsbuch zuzulassen. An dieser Stelle richtete sich Donzé beim Erzählen jedes Mal auf; er brachte den Zeigefinger in wippende Bewegung und rief mit schnarrender Stimme: „Kommt gar nicht in Frage!“ – Die schneidende Abfuhr durch den Geschichtslehrer hatte indes für Donzé das Gute, dass sie ihm den Hang zu rechthaberischer Sturheit ein für alle Mal austrieb. Von da an begann er sich um jene geschmeidige Haltung zu bemühen, die er später als Professor an der Universität Bern seinen Studenten souverän vorlebte: „Suaviter in modo, fortiter in re“ (Sanft im Vorgehen, hart in der Sache).

 

In Muri merkte Rolf Bloch: „Es ist ein unverdientes Glück, dass ich in der Schweiz geboren wurde und nicht in Deutschland.“ Nicht jeder kommt zu solcher Einsicht. Roland Donzé: „Wenn er vom Unglück geschlagen wird, fragt der Dumme: ,Warum gerade ich und nicht ein anderer?‘ Der Gescheite jedoch, der vom Unglück hört, sagt sich: ,Warum gerade er? Es hätte ebenso gut mich treffen können.‘“

 

In der Folge nahm sich Rolf Bloch vor, sich für das Glück, dass ihm unverdient zuteilgeworden war, durch den Lebenswandel dankbar zu erweisen. Der Vorsatz prägt nun in den „Plans Fixes“ den Achtzigjährigen in seinem Sprachstil. Bedachtsam und zart setzt die Wörter hintereinander. Seinem akzentfreien Französisch ist nicht anzumerken, dass er mit dem berndeutschen Idiom aufgewachsen ist. Der Jude ist Weltbürger und Mensch.

 

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